Jedes Kind ist ab dem Zeitpunkt seiner Geburt begierig darauf, aktiv so viele Informationen wie möglich über seine Umwelt zu sammeln, einzuordnen und zu verarbeiten.
Bereits unmittelbar nach der Geburt ist ein Säugling in der Lage, die Stimme seiner Mutter zu identifizieren – Ergebnis eines Lernprozesses, der im Mutterleib begonnen hat. Mit ungefähr vier Monaten sind Kinder in der Lage, den eigenen Namen aus dem ansonsten noch chaotischen Redefluss der Erwachsenen herauszufiltern, wenig später erfassen sie die Bedeutung von „Mama“ und „Papa“. Einjährige können die Laute erkennen, aus denen sich die Wörter der jeweiligen Muttersprache zusammensetzen und kennen schon rund 60 Begriffe. Schon lange bevor Kinder wirklich sprechen können, beginnen sie ein erstes, grundlegendes Verständnis für Grammatik zu entwickeln. Ein Wort wie „eine“ signalisiert dem Kind zum Beispiel, dass darauf ein Hauptwort wie „Blume“ folgen muss.
Die Entwicklung von Sprache und Denken ist eng mit der Bildung von Nervenverbindungen im kindlichen Gehirn verbunden. Solche Netze entstehen, wenn Gehirnzellen (Neuronen) sich an ihren Kontaktstellen (Synapsen) miteinander verbinden, angeregt durch elektrische Impulse, die wiederum von Sinneseindrücken ausgelöst werden. Augen, Ohren, Nase, Tast- und Geschmackssinn – alle Sinnesorgane laufen in den ersten Jahren der kindlichen Entwicklung auf Hochtouren, um unablässig Informationen zu liefern und damit die Bildung neuronaler Netze zu fördern. Vor allem in den ersten Lebensjahren werden hier wichtige Grundlagen geschaffen. Je häufiger eine bestehende neuronale Verbindung durch einen Impuls betätigt wird, desto mehr verfestigt sie sich: Dass ein Ball rollt, wenn man ihm einen Schubs gibt, mag einem Kind zuerst als zufälliges Ereignis erscheinen; nach dem fünften oder zehnten Mal erkennt es, dass eine Gesetzmässigkeit dahintersteht. Am Ende eines solchen Prozesses steht eine Informationseinheit, die dem Kind für sein gesamtes weiteres Leben bleibt. Die Summe dieser Informationseinheiten entwickelt sich im Laufe der Jahre zu einem neuronalen Gerüst, das die Gefühle, das Denken und damit die Persönlichkeit eines Menschen bestimmt. Umgekehrt verkümmern diejenigen Verbindungen, die nach ihrer Entstehung zu wenig oder gar nicht mehr verwendet werden und sich damit nicht verfestigen können – eine Rückentwicklung, die in späteren Jahren kaum noch aufzuholen ist. Zu Beginn des Lebens bilden sich synaptische Kontakte im Überfluss. Es bleiben hingegen nur diejenigen, die dann kontinuierlich und über einen längeren Zeitraum hinweg genutzt werden.
Das bedeutet: Je mehr Informationen im frühen Kindesalter aufgenommen werden, desto grösser ist die Anzahl synaptischer Verbindungen, die für Lernprozesse zur Verfügung stehen.
Die Vielzahl dieser Verbindungen macht es einem normal entwickelten, kleinen Kind beispielsweise leicht, spielerisch und beinahe unbewusst eine zweite oder sogar mehrere Fremdsprachen zu erlernen. Schon ein durchschnittlich begabter Zehnjähriger muss dagegen mühsam Vokabeln und Grammatik büffeln – die Entwicklung der Verbindungen, die für den Spracherwerb zuständig sind, ist bereits abgeschlossen. Das, was wir gemeinhin unter dem Begriff Denken verstehen, nämlich Informationen zielgerichtet zueinander in Beziehung zu setzen, beginnt also schon lange, bevor das erste Wort gesprochen ist.