... plötzlich ist alles anders.
Das turbulente Leben mit Pubertierenden ist für Eltern die letzte grosse Erziehungsaufgabe. Oft leiden die Eltern dabei viel stärker unter den Auswirkungen der Pubertät als ihre Kinder selber und reagieren entsprechend darauf. Auseinandersetzungen, Verbote und Strafen sind oft hilflose Versuche der Eltern, ihre Kinder auf dem "rechten" Weg zu behalten.
Die Veränderungsprozesse der Jugendlichen ziehen gleichzeitig eine Veränderung innerhalb der ganzen Familie nach sich. Alte Rollen lösen sich auf und neue müssen erst gefunden werden. Verständnis und Gelassenheit sind in diesem Lebensabschnitt diejenigen Ratgeber, die diesen stürmischen Zeiten am besten begegnen können.
Wer bin ich?
Der Körper wächst, die Hormone rasen. Das Verlassen des kindlichen Körpers ist wie eine unbekannte Reise. Die Entwicklung des eigenen Körpers wird genau beobachtet. Stimmbruch und Bartwuchs, Menstruation und Brustentwicklung - aus Jungen und Mädchen werden allmählich Mann und Frau. Der erste BH zwickt und kneift, das Rasieren muss erst geübt werden und es stellt sich die Frage: Wer bin ich denn jetzt überhaupt?
Die Suche nach dem "wahren Ich" stellt die Teenager vor neue Herausforderungen. Auf das Outfit von heute kann morgen ein anderes folgen. Die Palette der Gefühle und des Verhaltens scheint unendlich.
In der Pubertät entwickelt sich ein neuartiges Bewusstsein für die eigene unverwechselbare Identität. Die Teenager werden immer sensibler und leiden unter einem starken Unsicherheitsgefühl, was sich in extremen Gefühlsausbrüchen widerspiegelt. Deshalb geben sich die Teenager gerne grossspurig. Sie wollen damit die Welt überzeugen, dass sie selbstbewusster und stärker sind, als sie sich fühlen.
Teenager lieben das Risiko. Sie müssen experimentieren. Damit sind Konflikte vorprogrammiert. Das gehört zu dem langwierigen Lernprozess, das eigene Leben in den Griff zu bekommen.
Weder Fisch noch Fleisch
Pubertierende befinden sich zwischen zwei Welten: Einerseits sind sie immer noch Kind, andererseits schon auf dem Weg in die Erwachsenenwelt. Ein schwieriger und langer Weg, der Abschied von den Eltern und der Kindheit bedeutet. Das immer frühere Eintreten der Pubertät bringt weitere Probleme. Die Frühreife beinhaltet oft eine grosse Differenz zwischen körperlicher und seelischer Entwicklung. Wenn die Aussenwirkung nicht mit der inneren kindlichen Wahrnehmung übereinstimmt, kann es schnell zu Überforderungen kommen.
Der Stimmbruch mit seinen quietschigen und schrägen Tönen ist für Jungen mit peinlichen Gefühlen verbunden. Die erste Regelblutung für Mädchen ein einschneidendes Erlebnis. Eltern können hier zu Verbündeten werden und von ihren eigenen Erfahrungen als Teenager berichten. Drängen Sie sich nicht auf, bieten Sie lieber unverbindlich Ihre Unterstützung an. Die Kinder kommen dann von allein auf Sie zu, wenn es für sie am besten passt.
Freiheit und Abenteuer
Teenager sehnen sich nach Freiheit. Am liebsten würden sie alle familiären Fesseln abstreifen und ganz frei und autonom in den Tag hineinleben. Freiheit bedeutet Abgrenzung – eigene Entscheidungen treffen und die Meinung der Eltern links liegen lassen. Verbote werden nun immer öfter abgelehnt, die Kinder fordern ein Mitspracherecht. Ob es um die Ausgehzeiten, die Wahl der Freunde oder der Kleidung geht: Die Eltern sollen sich gefälligst raushalten und sich um ihre eigenen Angelegenheiten kümmern. Doch die Suche nach Freiheit ist nicht grenzenlos – im Gegenteil: Pubertierende brauchen Verbindlichkeiten und Grenzen, um sich weiterhin geborgen und sicher zu fühlen.
Jugendliche brauchen Freiräume. Setzen Sie aber klare Regeln fest, z. B. über Ausgangszeiten. Die privaten Räume des Jugendlichen gilt es zu akzeptieren. Betreten Sie nicht ohne Anklopfen das Kinderzimmer und vermeiden Sie Aufenthalte an Orten, die zum “Revier” Ihres Kindes gehören (Jugendzentrum, Cliquentreffpunkt, Kneipe oder Disco).
Streitlust
Konflikte und Auseinandersetzungen mit den Eltern werden förmlich gesucht, da Pubertierende oft "streitsüchtig" sind. Der Inhalt des Streites ist dabei zumeist nebensächlich: Der Konflikt als solches ist interessant. Für die Teenager bedeutet der Streit mit den Eltern das Ausloten von Machtstrukturen, sie messen ihre Kräfte und versuchen herauszufinden, wo die Grenzen liegen. Provokationen durch Schimpfwörter und Beleidigungen werden eingesetzt, um sich an den Eltern zu reiben.
Auch wenn es furchtbar anstrengend ist und so manchen ruhigen Abend zerstört: Akzeptieren Sie die Tatsache, dass es immer wieder Streit geben wird. Reagieren Sie auf die Streitlust Ihres Kindes mit grösstmöglicher Gelassenheit. Wenn Sie Ihrem Kind zuhören und es ernst nehmen, kann so mancher Streit im Keim erstickt werden. Wichtig ist, sich nicht durch Beleidigungen oder unsachliche Unterstellungen provozieren zu lassen.
Wie intensiv sollen wir versuchen, am Leben unseres Kindes teilzunehmen?
Die intensive Teilnahme am Leben des Pubertierenden wird streckenweise nicht mehr oder nur noch teilweise möglich sein. Der Jugendliche versucht, sich ein Leben ausserhalb der Familie aufzubauen. Er zieht sich zurück, schafft sich seinen eigenen Freundeskreis und entwickelt seinen eigenen Lebensstil. Es werden Grenzen übertreten, Verbote missachtet und bis dato unbekannte Facetten der eigenen Persönlichkeit ausgelotet. Und das ist völlig normal. Denn ohne Eigenständigkeit kann sich keine Eigenverantwortlichkeit entwickeln. Gelassenheit ist von Seiten der Eltern gefragt. Lassen Sie die Abgrenzung zu, die der Jugendliche braucht und halten Sie sich wo möglich zurück. Zeigen Sie Interesse an dem sich verändernden Lebensstil ihres Kindes. So lassen sich viele Konflikte schon im Ansatz verhindern und Sie bleiben dennoch an ihrem Kind dran.
Wie können wir mit unserem Kind im Gespräch bleiben?
Sie sollten grundsätzlich gesprächsbereit sein und das auch deutlich zeigen. In typischen Rückzugsphasen von Jugendlichen wird jede Kommunikation verweigert. Fragen Sie doch einfach mal nach, was so läuft, ohne gleich hartnäckig nachzubohren. Das könnte ein guter Einstieg in ein Gespräch sein. Hören Sie Ihrem Kind aufmerksam zu und nehmen Sie Anteil. So zeigen Sie Ihr Interesse und das Kind spürt, dass das, was es sagt, für Sie von Bedeutung ist.
Bei Streitgesprächen versuchen Sie unbedingt einen sachlichen Ton anzuschlagen, der signalisiert: Ich nehme Dich ernst, aber Du mich bitte auch. Ich höre Dir zu und versuche auf Dich einzugehen. Das gleiche verlange ich auch von Dir.
Der Jugendliche versucht oft, den bis anhin geltenden Familienritualen und -regeln wie z. B. gemeinsame Essen, Familienfeiern, gemeinsame Ausflüge, auszuweichen. Dieses Verhalten dient ebenso der Abgrenzung und ist normal. Sie sollten aber trotzdem darauf bestehen, dass der Jugendliche sich an den elementaren Gemeinsamkeiten der Familie beteiligt.
Wieviel Freiraum braucht unser Kind?
Grössere Freiräume sind für die Weiterentwicklung zur Eigenständigkeit absolut notwendig.
Je älter Ihr Kind wird, desto weniger Regeln sollten Sie aufstellen. Mit zuviel Kontrolle erreichen Sie genau das Gegenteil. Sie erwecken den Eindruck, als hätten Sie kein Vertrauen, wirken ängstlich und schwächen eher Ihre Position. Hier passt das Bild von der langen Leine, die mit zunehmendem Alter immer länger sein darf.
Es ist nicht leicht, sich im Hintergrund zu halten, wenngleich passives Verhalten die Rolle ist, mit der Sie sich in zunehmendem Masse anfreunden müssen.
Wie können wir unser Kind schützen?
Sowie das Kind lernen muss, selbständig zu werden, so müssen Sie lernen, sich heraus zu halten. Wie sehr Sie Ihr Kind auch zu schützen versuchen, Sie können es immer weniger. Das Kind entwickelt eigene Lebensbereiche, die Ihnen verschlossen bleiben und in dem Sie ihm wenig oder gar keinen Schutz geben können. Der Schritt von der behüteten Welt der Familie in das selbständige Leben des Erwachsenen birgt immer Risiken, auch für gefestigte Jugendliche.
Wie wichtig ist die Privatsphäre?
Ohne Wahrung der Privatsphäre kann sich keine selbständige Persönlichkeit entfalten. Jugendliche brauchen das eigene Zimmer als ihr Territorium. Die Eltern müssen sich damit abfinden, nicht mehr über jedes Detail aus dem Leben ihres Kindes Bescheid zu wissen.
Auch die Entwicklung der beginnenden Sexualität kann sich nur in ungestörter Privatsphäre gesund vollziehen. Erwachsene pochen auf das Recht einer Privatsphäre. Auch Teenager haben einen Anspruch darauf.
Auch wenn es im Zimmer aussieht, wie nach einem Hurikan, heisst es für die Eltern: Türe schliessen, Verantwortung abgeben. Ausnahmen sind dann gegeben, wenn das Zimmer im Unrat zu versinken droht oder Speisereste ein eigenartiges Eigenleben entwickeln.
Das Durchsuchen des Zimmers bei Verdacht sollte immer das letzte Mittel sein, wenn es etwa um Drogen, indizierte Computerspiele, Videos oder Waffen geht. Dann müssen Sie handeln und dem Jugendlichen die Grenzen aufzeigen, die er massiv überschritten hat. Ansonsten ist hinterher spionieren ein schlimmer Vertrauensbruch.
Darf man Richtlinien vorgeben, soll man Ratschläge erteilen?
Wichtig ist bei aller Gelassenheit, dass nicht das Gefühl entsteht, Sie wären Ihrem Kind gegenüber gleichgültig geworden. Auch wenn es dadurch immer wieder zu Reibungen kommt, brauchen die angehenden Teenager nach wie vor klare Vorgaben der Eltern, die Orientierung liefern und Sicherheit vermitteln.
Es ist immer wichtig, Sachverhalte zu benennen: "Du sollst um 22.00 Uhr zu Hause sein." "Ich will nicht, dass du per Auto-Stopp nach Hause kommst!" usw. Also klare Vorgaben, die auch eingehalten werden müssen. Appell-Sätze provozieren dagegen Widerstand und ungewünschtes Fehlverhalten: "Komme ja nicht zu spät wie beim letzten Mal!" oder: "Ich bestimme, wann du zu Hause bist!" Auch wenn aus der Sicht der Teenager die Eltern überflüssig geworden sind, bleiben sie doch einer der wichtigsten Bezugs- und Orientierungspunkte im Leben der Jugendlichen, der jederzeit greifbar sein muss. Das zeigt, wie bedeutsam trotz aller Bockigkeit und Distanz der Rückhalt der Eltern auch in Form von klaren Richtlinien und Absprachen für die Jugendlichen ist.
Wie soll man auf unerwünschte Freundschaften reagieren?
Freunde suchen sich die Jugendlichen immer selber aus. Bevor Sie sich vorschnell ein Bild von "falschen Freunden" machen, versuchen Sie mit den Teenagern ins Gespräch zu kommen. Oftmals werden dann aus Punkern, Freaks oder Grufties ganz normale Jugendliche. Und für Hardrock, Piercing und Parties ist nun mal die Clique zuständig. Also auch in diesem Punkt ist man gut beraten, gelassen zu bleiben. Sollte sich dennoch der negative Eindruck erhärten, sagen Sie Ihrem Kind offen, was Sie von den Freunden halten.
Wichtig ist, dass Sie Ihren Standpunkt begründen können. Geben Sie ruhig zu, dass Sie die Kontakte nicht unterbinden können. Das ist kein Zeichen von Schwäche sondern ein Zeichen der Ehrlichkeit. Das ist die beste Grundlage für ein Vertrauensverhältnis und Ihr Kind weiss, dass es sich jederzeit an Sie wenden kann, wenn Probleme auftauchen.
Wie können wir unnötige Konflikte vermeiden?
Konflikte gehören zum menschlichen Miteinander und gerade im Umgang mit pubertierenden Jugendlichen werden sich die Konfrontationen in dieser Entwicklungsphase zwangsläufig häufen. Diese Auseinandersetzungen sind wichtig und dienen der Orientierung. Dennoch gibt es einigen Konfliktstoff, der überflüssig ist und das Familienklima unnötig belasten kann.
Um diesen Konflikten schon im Vorfeld aus dem Weg zu gehen, wenden Sie einfache, praktische Massnahmen an, die am besten mit dem Kind gemeinsam besprochen und geplant werden und das Kind zusätzlich bei der Entwicklung der Eigenverantwortlichkeit unterstützen. Zum Beispiel:
Für Jugendliche ist Geld gleichbedeutend mit Freiheit und Unabhängigkeit. Telefonieren hat im Leben der Jugendlichen einen hohen Stellenwert und ist in vielen Familien ein Reizthema. Um Konflikte zu vermeiden, stellen Sie klare Regeln auf.
Für das eigene Handy ist beispielsweise eine Telefonkarte eine gute Lösung. Auch gegen "wilde Parties" im eigenen Haus spricht nichts, wenn man sich zuvor auf das Einhalten und Respektieren einer "Hausordnung" geeinigt hat.
Was tun, wenn Verbote missachtet wurden?
Statt Regeln zu verschärfen, versuchen Sie die Probleme über das gemeinsame Gespräch zu lösen. Manchmal entsprechen die Regeln nicht mehr dem Entwicklungsstand des Kindes und müssen deshalb neu angepasst werden. Moralpredigten und ständige Ermahnungen stossen Jugendliche meist zurück und verbauen den Weg für echte Gespräche. "Mach' doch mal ein Angebot, wie stellst du dir eine Lösung vor?", könnte ein guter Einstieg in ein gemeinsames Gespräch sein. Beinahe jeder Konflikt kann leichter beseitigt werden, wenn man miteinander verhandelt, statt zu verbieten oder sich einer sturen Konfrontation auszusetzen. So muss sich niemand als Verlierer fühlen.
Natürlich gibt es auch Regeln, die nicht verhandelbar sind. Dies betrifft alle gesetzlichen Vorschriften aber auch z.B. das Rauchen. Dass Sie das Rauchen nicht tolerieren, sollten Sie ganz deutlich sagen: "Hier in unserem Haus wird nicht geraucht - auch nicht auf dem Balkon oder im Garten! Was du auf dem Schulweg machst, können wir leider nicht kontrollieren. Wir werden dir die Zigaretten, wenn wir welche finden, wegnehmen."
Wenn Sie Strafen verhängen, muss deutlich werden, dass dies deshalb so ist, weil der Jugendliche bestimmte Grenzen verletzt hat. Sie sollten niemals erniedrigend und zeitlich klar begrenzt sein. Anklagende Worte bringen Teenager selten zur Vernunft. Versuchen Sie herauszufinden, warum Ihr Kind raucht. Hören Sie ihm zu und schimpfen Sie nicht nur vor sich hin. Fragen Sie nach, ob sich der Jugendliche der gesundheitlichen Gefahren des Rauchens überhaupt bewusst ist. Sprechen Sie darüber, wie schwierig es für Sie selber war oder ist, mit dem Rauchen aufzuhören.
Woran bemerken wir Fehlentwicklungen in der Pubertät?
Diese Frage ist nicht eindeutig und für alle gleich zu beantworten. Grundsätzlich lässt sich nur sagen: Jugendliche, die sich weder rebellisch verhalten, noch Entschlossenheit zeigen, sich von der Familie abzugrenzen, mögen für die Eltern zwar angenehm sein, aber es fehlt ihnen ein wichtiges und notwendiges Entwicklungsstadium auf dem Wege zu einem reifen Menschen.
Was tun, wenn sich das Kind total verschliesst?
In diesem Fall sind Sie leider machtlos. Hier müssen andere helfen, Personen aus dem Verwandten- oder dem engeren Freundeskreis. Wenn Sie das Gefühl haben, dass Ihr Kind total abgleitet, ist es wahrscheinlich notwendig, eine professionelle Erziehungsberatung oder psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Eltern müssen reagieren, solange das Kind noch auf dem Rand des Brunnens tanzt. Ist es erst mal hineingefallen ...
Tipps für die Pubertät